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Full text of "Kunst und Wissenschaft..."

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LIBRARY 



OF THE 



UNIVERSITY OF CALIFORNIA. 



Class 




KUNST ^i§3©s3^ai^@j 
UND WISSENSCHAFT 



VORTRAG 

GEHALTEN ZU WIEN 
AM 27. NOVEMBER 1904 



VON 



WILHELM OSTWALD 




f ^ or THl 

/ UNIYER81TY 



VERLAG VON VEIT & COMP. IN LEIPZIG 

1905 



N71 
IUI 




Verhältnis von Wissenschaft und Kunst ist 
Timer ein wenig einseitig gewesen. Die 
Wissenschaft, oder wenigstens ein gewisser 
Teil derselben, der sich Ästhetik nennt, hat sich von 
Zeit zu Zeit mehr oder weniger lebhaft der Kunst an- 
genommen und sie nach Art einer zwar nicht lieblosen, 
aber vor allen Dingen strengen Tante zu erziehen ver- 
sucht. Die Kunst ihrerseits hat zuweilen solchen Er- 
ziehungsversuchen Gehorsam erwiesen. Dieser ist ihr 
aber im allgemeinen nicht sehr gut bekommen, und es 
wurde ihr zuletzt schlecht bei der ästhetischen Artigkeit 
Sie hat dann über die Stränge geschlagen und die Tante 
verhöhnt, ja gehaßt und möglichst das O^enteil von 
dem getan, was sie gewollt hat Da heute keine er- 
ziehungsbedürftigen lOnder in der Versammlung sind, 
so darf ich verraten, daß der Kunst die Aufsäßigkeit 
gegen die Tante meist sehr gut bekommen ist Während 
sie in den Tagen der Artigkeit unter der Pflege der 
Tante zwar sauber gewaschen und gekämmt war, aber 



4 KUNST UND WISSENSCHAFT 

doch ein wenig stubenluftig und blutarm zu werden 
drohte, wurde sie in den Tagen der Aufsäßigkeit äußerst 
gesund und munter, wenn auch andererseits ihre 
Ordentlichkeit oft nicht wenig zu wünschen übrig ließ. 
Das Ergebnis ist, daß zwar die Tante der Meinung ge- 
blieben ist, daß die Kunst ohne ihre Hilfe und Führung 
nicht wohl, wie es sich gehört, durch das Leben gehen 
kann, daß aber die Kunst ihrerseits durchaus der Meinung 
ist, daß die Tante besser wäre, wo der Pfeffer wächst, 
und daß das eigentliche Leben erst angeht, wo sie 
nicht immer hineinschaut. 

Im Leben pflegen derartige Verhältnisse mit einem 
Bruch zu enden, indem der Bube endlich entläuft, wenn 
nicht die Tante vorher stirbt. Das kommt daher, daß 
beide Teile eben älter werden, und daß dadurch der 
Gegensatz zwischen ihnen immer schärfer in die Er- 
scheinung tritt. Bei dem Verhältnis zwischen Wissen- 
schaft und Kunst kann dies nicht eintreten. Einmal, 
weil beide unsterblich sind, und zweitens weil sie ein- 
ander nie entlaufen können. Denn wohin die Kunst 
auch laufen mag, überall findet sie die Wissenschaft vor. 
Und die Wissenschaft kann trotz des groben Undankes, 
den sie bisher von der Kunst erfahren hat, nicht von ihr 
lassen. So entsteht die Frage: ist nicht doch auf irgend 
eine Weise ein Auskommen zwischen beiden möglich? 



KUNST UND WISSENSCHAFT 5 

Ich glaube man darf ja sagen, wenigstens ein be- 
dingtes Ja. Es hat Momente gegeben, wo beide so 
friedlich und förderlich miteinander gehaust haben, wie 
es ein Menschenfreund nur irgend wünschen kann ; ich 
brauche nur die Namen Lionardo da Vinci und Albrecht 
Dürer zu nennen. In der Brust und dem Kopfe dieser 
Männer bestand kein Gegensatz zwischen Wissenschaft 
und Kunst; eine förderte vielmehr die andere, und zwar 
nicht einseitig, sondern gegenseitig. Ohne ihre Wissen- 
schaft wären jene Männer nicht die großen Künstler 
gewesen, ohne ihre Kunst hätte ihnen der beste Teil des 
wissenschaftlichen Antriebes und der wissenschaftlichen 
Anschauung gefehlt 

Das sind vereinzelte Erscheinungen, werden Sie 
sagen, und Ausnahmen beweisen die Regel. Ersteres 
gebe ich zu, letzteres bestreite ich. Ich kenne keine 
unsinnigere Behauptung, als daß Ausnahmen die Regel 
beweisen sollen; meine Logik, soweit ich über sie ver- 
füge, sagt mir im Gegenteil, daß Ausnahmen die Regel 
entweder ganz umwerfen oder sie mindestens zweifelhaft 
machen. Wenn also derartige Erscheinungen auftreten, 
wie wir sie an jenen Männern bewundem, so haben 
wir sie nicht fortzuschieben mit jener Redensart, sondern 
wir haben zu untersuchen, wie eine so schöne und wert- 
volle Erscheinung zustande gekommen ist, um sie wo- 



6 KUNST UND WISSENSCHAFT 

möglich wieder hervorzurufen oder wenigstens zu be- 
günstigen, wenn sich die Aussicht dazu bietet. 

Denken wir einmal darüber nach, unter welchen Be- 
dingungen sich die Tante mit dem Jungen gut vertragen 
wird. Wir haben schon feststellen müssen, daß die Sache 
immer hoffnungsloser wird, je älter beide werden. Daß 
sie umgekehrt um so hoffnungsvoller werden müßte, 
wenn zwar der Junge immer älter, die Tante aber 
immer jünger würde, bemerken wir zunächst der systema- 
tischen Vollständigkeit wegen, ohne wegen der Unmög- 
lichkeit eines solchen Verlaufes besonderes Gewicht 
darauf zu legen. Aber hier wollen wir uns doch darauf 
besinnen, daß Kunst und Wissenschaften zwar gewisse 
Ähnlichkeiten mit menschlichen Wesen haben, sich aber, 
wie bereits bemerkt, durch ihre Unsterblichkeit erheblich 
von ihnen unterscheiden. Diese Unsterblichkeit bringt 
es mit sich, daß sie nicht nur älter, sondern von Zeit zu 
Zeit auch jünger werden. Da sehen wir mit einem Male 
Hoffnung! Wenn es sich einmal so trifft, daß die Wissen- 
schaft eben recht jung ist, während die Kunst bereits 
eine gewisse Reife erlangt hat, so ist ja alles da, was 
erforderlich ist. Und betrachten wir die eben erwähnten 
Fälle, so bemerken wir, daß in der Tat beide in einer 
Zeit liegen, wo bei reifer Kunst die Wissenschaft, ins- 
besondere die Naturwissenschaft, sich zu einem großen 



KUNST UND WISSENSCHAFT 7 

Aufschwung vorbereitet und alle Zeichen der Jugend- 
lichkeit zu erkennen gegeben hat 

Aber ich möchte doch den Vergleich nicht zu Tode 
hetzen; auch geziemt es sich für einen Angehörigen der 
wissenschaftlichen Zunft, nach den Regeln seines Ge- 
werbes seine Arbeit zu machen. So will ich denn an 
die bisherigen Betrachtungen alsbald den Ausdruck 
meiner Überzeugung knüpfen, daß unsere Zeit ein 
gleiches nahes Verhältnis zwischen Wissenschaft und 
Kunst teils schon besitzt, teils erwarten kann, wie es in 
jener glänzenden Zeit um den Anfang des sechzehnten 
Jahrhunderts bestanden hat. Und diese Überzeugung 
möchte ich begründen; dazu muß ich zunächst ein wenig 
von der Verjüngung der Wissenschaft sprechen. 

Diese Verjüngung zeigt sich vor allen Dingen darin, 
daß die Wissenschaft einen großen Teil von ihrer früheren 
Strenge und Härte aufgegeben hat. Noch Goethe, der 
doch überall die Rechte der Kunst gegenüber denen 
der Wissenschaft verfochten hat, drückt seine Über- 
zeugung von der Beschaffenheit der Naturgesetze in den 
immer wieder zitierten Worten von den ewigen, ehernen, 
großen Gesetzen aus, nach denen wir alle unseres Da- 
seins Kreise vollenden sollen. Ihm, und wohl auch 
noch den meisten heute, erscheinen die Naturgesetze 
als feindliche, unbarmherzige Mächte, die den armen 



S KUNST UND WISSENSCHAFT 

widerstandslosen Menschen zwischen ihre Räder nehmen 
und ohne Rücksicht auf sein Wünschen und Flehen zer- 
malmen. Wenn wir die wirklichen Verhältnisse be- 
obachten, wie sie heute überall uns ungerufen entgegen- 
treten, wenn wir sehen, wie die zerstörenden Gewalten 
der Natur durch des Menschen Hand gebändigt und zu 
seinem Nutzen und Vergnügen zu arbeiten gezwungen 
werden, wie Seuchen und Pest den größten Teil ihrer 
Schrecken verloren haben, wie nicht nur das Behagen 
am Leben, sondern auch die durchschnittliche Lebens- 
dauer durch die Fortschritte der hygienischen Wissen- 
schaften gesteigert werden, so will uns diese Schilderung 
der Naturkräfte gar nicht mehr passend erscheinen. Sie 
kommen uns nicht wie feindliche Titanen, sondern viel- 
mehr wie große kluge Elefanten vor, welche zu den 
wertvollsten Dienstleistungen veranlaßt werden können, 
wenn man sie nur richtig zu behandeln weiß. 

Oder wenn Sie ein anderes Bild vorziehen: unsere 
frühere Vorstellung von den Naturgesetzen entsprach 
der zwangsweisen Führung längs eines unabänderlich 
vorgeschriebenen Weges, der keinerlei Abweichung nach 
rechts oder links gestattete oder ermöglichte. Jetzt be- 
trachten wir die Naturgesetze wie Wegweiser in einem 
breiten Gelände, das Berg und Tal, Wald und Sumpf 
enthält. Wir werden durch diese Wegweiser keineswegs 



KUNST UND WISSENSCHAFT 9 

gezwungen, gerade diesen oder jenen Weg zu gehen; 
ja niemand hindert uns, unmittelbar in den Sumpf hinein- 
zusteuern. Nur belehrt uns das Naturgesetz, daß, wenn 
wir diesen Weg verfolgen, wir in den Sumpf geraten 
werden, denn es ist vor uns ein zuverlässiger Mann 
dagewesen, der ihn gesehen, untersucht und darüber 
Nachricht hinterlassen hat. Und der Fortschritt der 
Wissenschaft entspricht der Anbringung einer immer 
größeren Anzahl von zuverlässigen Wegweisem. Manch- 
mal hat sich der erste Erforscher geirrt, und man 
kann ganz wohl einen Weg gehen, der früher für 
ungangbar gehalten worden war. Und dann findet es 
sich auch wohl, daß der erste Entdecker eines neuen 
Weges von allen möglichen Wegen gerade den un- 
bequemsten und umständlichsten gegangen ist Der 
Nachfolger hat es freilich leichter; nachdem er weiß, 
daß man jedenfalls ans Ziel gelangen kann, darf er 
seine Zeit und Aufmerksamkeit ungeteilt auf die Er- 
mittelung eines besseren Weges wenden; die Nachwelt 
aber weiß dem ersten Pfadfinder um so mehr Dank, 
als er neben den unabwendbaren Schwierigkeiten des 
Zieles noch jene zufälligen des ersten Weges über- 
wunden hat. 

Es ist nicht sehr lange her, daß sich diese milde 
oder gemütliche Auffassung der Naturgesetze allgemeiner 

/ Of THl 

\-NIVER8ITY 



10 KUNST UND WISSENSCHAFT 

verbreitet hat; die vorher geschilderte Strenge hat gegen- 
wärtig wohl noch die Mehrheit, soweit diese gezählt 
wird. Wird sie freilich gewogen, so dürfte ein günstigeres 
Ergebnis für die Vertreter der neueren Anschauung her- 
auskommen. Ich bin glücklich, hier an dieser Stelle 
und in diesem Zusammenhange den Namen des Mannes 
nennen zu dürfen, dem nicht nur die Wissenschaft eine 
entscheidende Führung nach dieser Richtung verdankt, 
sondern der auch heute der unmittelbare Anlass ge- 
wesen ist, daß ich zu Ihnen reden darf. Es ist Ernst 
Mach, der Mann, welcher der allgemeinen Wissenschaft 
seit einem Menschenalter die neuen Wege gezeigt und 
erläutert hat, die sie nun endlich mehr und mehr zu 
gehen beginnt 

Sie werden vielleicht schon seit einiger Zeit ge- 
fragt haben, was denn diese Betrachtungen mit der Kunst 
zu tun haben. Nun, wir können sie jedenfalls unmittel- 
bar auf die Wissenschaft von der Kunst, die Ästhetik, 
anwenden. Die frühere Ästhetik, die Ästhetik von 
oben, wie sie Gustav Theodor Fechner zu nennen 
liebte, war solch eine befehlende Wissenschaft Noch 
heute gibt es Vertreter derselben, die den Anspruch er- 
heben, sie sei tatsächlich eine normative Wissenschaft, 
sie habe die Fähigkeit und daher das Recht, dem Künstler 
vorzuschreiben, was er zu tun, und insbesondere was 



KUNST UND WISSENSCHAFT 11 

er zu lassen habe. Das ist der Standpunkt der alten 
Tante, und dieser wird die Kunst um so mehr zu ge- 
horchen sich weigern, je jugendlicher und schaffens- 
kräftiger sie sich fühlt. 

Aber eben derselbe Fechner, dieser Typus eines 
deutschen Professors mit schwacher Gesundheit und 
etwas philisterhaften Lebensgewohnheiten, der stillen 
Gemütes von seinem Schreibtische aus Gedanken in die 
Welt gesendet hat, aus denen hernach große Gebiete 
menschlicher Forschung und Entwicklung geworden 
sind, derselbe Fechner hat uns gezeigt, daß es auch 
eine Ästhetik von unten, eine experimentelle oder 
besser erfahrungsgemäße Ästhetik gibt, eine Wissen- 
schaft, die nicht der Kunst befiehlt: dies sollst Du tun, 
sondern eine, die freundlich und eifrig fragt: kann ich 
Dir nicht helfen? 

Ehe freilich die Kunst diese dargebotene Hilfe an- 
nimmt, wird sie fragen : kannst Du mir denn überhaupt 
helfen? Ist nicht vielleicht alles Eingreifen der Wissen- 
schaft eher schädlich als förderlich, indem sie bestrebt 
ist, an die Stelle aus schönem Wahnsinn geborener 
Werke der wahren Kunst die nüchternen und dürftigen 
Ergebnisse verstandesmäßiger Konstruktion zu setzen? 
So wird der Künstler es vielleicht zulassen, schon weil 
er es nicht hindern kann, daß sich die Ästhetik der 



12 KUNST UND WISSENSCHAFT 

Kunstleichen bemächtigt, seien diese eines natürlichen 
Todes gestorben oder zu dem Zwecke erst umgebracht, 
d. h. ihres künstlerischen Geistes beraubt, um an diesen 
ihre Anatomie zu betreiben. Aber an den lebendigeh 
Leib der Kunst, d. h. an die Tätigkeit bei der Schöpfung 
neuer Kunstwerke, wird er sie um keinen Preis heran- 
lassen wollen, schon wegen der Phantasie, „daß die alte 
Schwiegermutter Weisheit das zarte Seelchen ja nicht 
beleidige." 

Diese Äußerung Goethes ist eine von den zahl- 
losen, die alle den gleichen Gedanken ausdrücken, und 
es erscheint hoffnungslos, gegen so gewichtige Autori- 
täten auftreten zu wollen. Aber der Professor ist nach 
der maßgebenden Definition der Fliegenden Blätter ein 
Mann, welcher anderer Meinung ist, und so bitte ich mit 
Geduld anzuhören, was ich nach der anderen Seite vor- 
zubringen habe. Es ist vor allen Dingen der Umstand, 
daß Kunst und Wissenschaft wegen ihrer Be- 
deutung für dieKultur der Menschheit von vorn- 
herein aufeinander angewiesen sind. Und es ist 
zweitens der Umstand, daß in ihrem ursprünglichen Wesen 
Kunst und Wissenschaft Kinder derselben Eltern 
sind, Kinder der Not und der Freude des Lebens. 

Alle Reste ältester Kultur zeigen uns die Kunst 
und Wissenschaft jener Zeiten unauflöslich zu einer 



KUNST UND WISSENSCHAFT 13 

Einheit verbunden. Sei es, daß die ersten Gesetze, die 
das Leben regelten und erleichterten, sich in das Gewand 
der Dichtung kleiden, sei es, daß die täglichen Geräte 
nicht in Gebrauch genommen wurden, bevor sie mit 
künstlerischem Omamentenschmuck bedeckt waren — 
stets finden wir beide zusammen als den Ausdruck der 
beginnenden Herrschaft des Menschen über die ihn 
umgebende Natur. Die bemerkenswerteste Philosophen- 
gestalt des griechischen Altertums, Piaton, ist durch 
und durch künstlerisch in der Gestaltung seiner kühnen, 
wenn auch falschen Gedanken und selbst der Vorgänger 
des eben vergangenen wissenschaftlichen Mechanismus, 
Lucretius, kleidet seine naturwissenschaftlichen Hypo- 
thesen in ein dichterisches Gewand. 

So werden wir nicht zu fragen haben: wie sollen 
Kunst und Wissenschaft zusammen kommen, sondern 
wir müssen erst die Antwort auf die Frage haben : wie 
sind sie auseinander gekommen? Auch diese Antwort 
will ich vorausnehmen : sie sind auseinander gekommen, 
weil sie verschiedenen Schrittes gehen. Die Kunst geht 
immer voran: als die große Zeit der italienischen 
Malerei während des sechzehnten Jahrhunderts im 
Erlöschen war, begann die große Zeit der italienischen 
Wissenschaft unter der Führung des unvergleichlichen 
Meisters Galilei, und der große Akkord der deutschen 



14 KUNST UND WISSENSCHAFT 

Dichtung in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahr- 
hunderts mußte erst ausklingen, ehe im neunzehnten 
der Aufschwung der deutschen Wissenschaft eintreten 
konnte. In der Eroberung immer neuer Gebiete durch den 
menschlichen Geist ist die Kunst immer die Führer! n ge- 
wesen. Die Wissenschaft ist hinterdrein gekommen, und so 
kann es nicht wundernehmen, wenn jene den Anspruch 
der nachhinkenden Wissenschaft, ihrerseits Führerdienste 
zu leisten, als lächerlich und unbescheiden zurückweist. 

Wenn ein Vertreter der Wissenschaft sich nicht 
scheut j dieses Verhältnis auszusprechen, so dürfen Sie 
überzeugt sein, daß es sehr offenkundig sein muß. In 
der Tat, wenn wir versuchen, in allgemeinster Weise 
die Richtung festzustellen, in welcher die Menschheit 
sich hier auf Erden bewegt, so werden wir sagen: es 
ist die auf eine immer weitergehende Beherrsch- 
ung der Natur und auf ein immer besseres Aus- 
kommen mit den Mitmenschen gewendete Richtung. 
Und das einzige Mittel, die Natur zu beherrschen und 
mit den Menschen zu leben, ist, ihre Eigenschaften und 
Wege kennen zu lernen, so daß man ihr Verhalten 
voraussehen, sich darnach einrichten und womöglich 
es beeinflussen kann. 

Nun wird man wohl der Wissenschaft im all- 
gemeinsten Sinne eine derartige Aufgabe zuerkennen. 



KUNST UND WISSENSCHAFT 15 

wegen der Kunst werden aber einige Zweifel berechtigt 
sein. Es kann auch alsbald zugestanden werden, daß 
Kenntnis des Menschen und der Natur nicht die eigent- 
liche Aufgabe der Kunst ist. Ihre Aufgabe ist sie nicht, 
aber ihr Mittel. Und da eine Kunst ohne ihr Mittel 
nichts ist, so ist eine Kunst ohne Kenntnis des Wesens 
der Menschen und der Natur auch nichts. 

Was ist denn aber eigentlich die Aufgabe der 
Kunst? Nun, ich weiß sehr wohl, daß es auf diese Frage 
ungefähr ebensoviele verschiedene Antworten gibt als 
Personen, die sie zu beantworten versucht haben. Es 
ist ein sehr domiger Boden, den ich hier betreten; aber 
wir können nicht anders, wir müssen hier festen Fuß 

fassen, sonst kommen wir nicht weiter! Von einem 
nüchternen Naturforscher werden Sie nicht erwarten, 
daß er eine der ebenso schwungvollen wie unverständ- 
lichen Definitionen der Kunst zutage fördert, die sich 
hier so vielfältig finden. Aber wenn ich alles durch- 
suche, was ich von Kunsteinflüssen in meinem Leben 
gehabt habe, so läßt es sich unter folgende Beschreibung 
bringen: Die Kunst soll uns in den Stand setzen^ 
willkürlich erwünschte Gefühle hervorzurufen. 
Ich mache mich darauf gefaßt, daß jetzt eine große 
Anzahl unter Ihnen in Ihrem Herzen denken, daß Sie 
etwas so verzweifelt Nüchternes selbst nach den bis- 



16 KUNST UND WISSENSCHAFT 

herigen Ausführungen nicht erwartet hätten, und daß 
Sie nur durch Ihre Höflichkeit veranlaßt werden, über- 
haupt sitzen zu bleiben und weiter zu hören. Sie er- 
innern sich der Weihestunden, die Sie mit Beethovens 
neunter Symphonie oder vor Böcklins Bildern gefeiert 
haben, Sie wissen genau, wie die Kunst Sie empor- 
gehoben hat, wenn das drückende Einerlei des Tages 
oder gar menschliche Gemeinheit Ihnen die Lebens- 
freude ausgelöscht und die trüben Schleier der Ver- 
stimmung über Ihren Tag gebreitet hatten. Und alles 
dieses soll durch jene nüchternen Worte umschlossen 
werden ? 

Ich hoffe, Sie, meine verehrten Zuhörer, durch das, 
was ich eben gesagt habe, überzeugt zu haben, daß 
auch bei mir ein persönliches und Herzensempfinden 
der Kunst gegenüber vorhanden ist Wenn ich die 
Jahre überschaue, die ich durchmessen habe, wenn ich 
zurückdenke, wie ich die großen Aufgaben der Wissen- 
schaft, an denen ich mitzuarbeiten so glücklich war, nur 
dadurch zu lösen wußte, daß ich einerseits monotone 
Kleinarbeit in weitestem Umfange übernahm, anderer- 
seits mich einer Gegnerschaft aussetzte, die sich unter 
Umständen bis zu bitterem Hasse gesteigert hat, dann 
weiß ich, wie mir die Kunst immer wieder Mut und 
Frische gegeben hat, wie ich schwere Überarbeitungen 



KUNST TTOD WISSENSCHAFT 17 

schnell und sicher dadurch zur Heilung brachte, daß 
ich irgendwo in reizvoller Landschaft mit Malkasten 
und Feldstuhl herumzog. Wenn also emer den Segen 
der Kunst erfahren hat, so bin ich es sicherlich, und 
undankbar gegen diesen Segen zu sein, kommt mir um 
so weniger in den Sinn, als ich mich gerade in letzter 
Zeit eingehender mit hierhergehörigen Arbeiten zu be- 
schäftigen begonnen habe. So kann ich nur als ehr^ 
licher Naturforscher oder Philosoph sagen, daß ich 
bei allem Suchen keine bessere Definition habe finden 
können, und ich hoffe Sie in nicht zu langer Zeit zu 
überzeugen, daß sie wirkligh brauchbar und an- 
gemessen ist 

Zunächst darf es als ein Ergebnis der neueren 
Kunstforschung, auf das sich immer mehr und mehr 
Stimmen vereinigen, hingestellt werden, daß die Kunst 
es mit der Erweckung von Gefühlen zu tun hat 
Fragen Sie sich selbst, weshalb Sie die Kunst suchen 
und lieben, vergegenwärtigen Sie sich das, was ich von 
Ihren eigenen Kunsterfdirungen Ihnen eben in das 
Gedächtnis zurückzurufen versucht habe, so werden Sie 
alsbald bereit sein, zuzugeben, daß durch die Kunst in 
erster Linie Gefühle erweckt oder vorhandene gesteigert 
werden, und daß in diesen Gefühlen das Wesentliche 

der Kunstwirkung liegt. Aber, werden Sie einwenden, 

2 



I 



< 



18 KUNST UND WISSENSCHAFT 

das sind nicht gewöhnliche Gefühle, das sind ganz 
besonders hohe und herrliche Gefühle. Ganz der- 
selben Meinung bin ich auch, und diese Meinung habe 
ich eben ausdrücken wollen, wenn ich die Hervor- 
rufung erwünschter Gefühle als die Aufgabe der Kunst 
kennzeichnete. Sind denn etwa diese hohen und herr- 
lichen Gefühle nicht erwünscht? Freilich, werden Sie 
sagen, aber «erwünscht« ist ein so nüchterner und un- 
zulänglicher Ausdruck für das, was wir tatsächlich fühlen. 
Da hab^n wir den Punkt Sie haben von einer Defini- 
tion der Kunst, also von einer wissenschaftlichen 
Arbeit, eine künstlerische Wirkung verlangt, nämlich 

die Hervorrufung einer anschaulichen Erinnerung Ihrer 

*. 

Kunstgefühle, und nur weil diese in den von mir ge- 
wählten Worten vermißt wurde, haben Sie die Definition 
ungenügend oder unpassend gefunden. Als ich dann 
den gleichen Inhalt mit Worten aussprach, durch welche 
jene Erinnerungen belebt wurden, waren Sie einver- 
standen. 

Wir dürfen eben nicht vergessen, daß unter Kunst 
nicht allein die sogenannte hohe Kunst, die Kunst, 
besonders starke, tiefe oder feierliche Gefühle zu er- 
wecken, verstanden sein will, sondern die gesamte Kunst 
in allen ihren Ausläufern, bis zum gemalten Blümchen, 
das unsere Kaffeetasse verschönt und zu der Halsbinde, 



KUNST UND WISSENSCHAFT 19 

in deren Knoten der Jüngling den Ausdruck seines 
innersten Wesens legt. Um dies große Gebiet zu decken, 
ist eben ein mehr neutrales Wort erforderlich, das gleich- 
zeitig das allgemein Vorhandene kennzeichnet Und 
dies allgemein Vorhandene ist, daß die fraglichen Ge- 
fühle in der Tat gesucht und angestrebt werden. 

Dann werden Sie mir vielleicht den Einwand ent- 
gegenhalten, daß manche von den angestrebten Gefühlen 
keineswegs lobenswert seien, und daß Sie ungern den 
heiligen Namen der Kunst für derartige Bestrebungen 
hergeben möchten. Wir können ganz einig über die 
moralische Beurteilung solcher Bestrebungen sein, ohne 
daß sich daraus ein Grund ergibt, ihnen den Namen 
der Kunst vorzuenthalten. Es ist ebenso möglich wie bei 
der Kunst, daß auch die Wissenschaft zu unmoralischen 
Zwecken angewendet wird. Wenn ein besonders 
kenntnisreicher Einbrecher sein Werk mit Hilfe einer 
Knallgas -Stichflamme ausführt und gelegentlich bei 
schwierigen Fällen Thermit zu Hilfe nimmt, so kann 
daraus der Experimentalchemie kein Vorwurf gemacht 
werden. Und das gleiche gilt von der Kunst 

Um Sie mit dem, was ich durch jene Definition 
ausdrücken will, noch ein wenig vertrauter zu machen, 
will ich den Punkt noch von anderer Seite zu erreichen 
versuchen. Mit Ihrer Übereinstimmung habe ich bisher 



20 KUNST UND WISSENSCHAFT 

das Wort Kunst in einem engeren Sinne gebraucht, 
der in früheren Zeiten nicht ohne weiteres verstanden 
worden wäre. Früher unterschied man die schönen 
Künste von den nützlichen Künsten und stellte damit 
eine weitgehende Ähnlichkeit zwischen beiden Arten 
der Betätigung fest Daß gegenwärtig dieser Sprach- 
gebrauch fast ganz verschwunden ist, liegt vermutlich 
an dem schädlichen Einflüsse der normativen Ästhetik, 
der es nicht recht war, die praktischen Fertigkeiten mit 
den ästhetischen in einem Atem zu nennen. Hierdurch 
ist denn manche schiefe Auffassung der Kunst begründet, 
insbesondere die noch jetzt oft genug geltend gemachte 
Ansicht, die Kunst im engeren Sinne müsse vor allen 
Dingen etwas Unnützes sein, und sowie sie mit irgend 
etwas Nützlichem verbunden sei, höre sie auf, Kunst 
zu sein. 

Ich will mich nicht lange mit der Widerlegung 
(fieser offenbar unhaltbaren Ansicht aufhalten, sondern 
mich mit dem Hinweis begnügen, daß, wenn auch die 
Kunst im engeren Sinne nicht den Zweck hat, technische 
Gebrauchsgegenstände herzustellen, sie ihre erfreuliche 
Wirkung doch an jedem Gegenstände betätigen kann, 
welchem Zwecke dieser sonst noch dienen mag. Eben- 
sowenig, wie ein Weinglas aufhört, ein Trinkgefäß zu 
sein, wenn man dies Gerät in einer für das Auge er- 



KUNST UND WISSENSCHAFT 21 

freulichen Gestalt und Farbe, also künstlerisch ausführt, 
ebensowenig hört etwa ein schöngemalter Theatervor- 
hang auf, ein Kunstwerk zu sein, wenn er außerdem 
den technischen Zweck erfüllt, die Bühne für die Zeit 
der Vorbereitung den Augen der Zuschauer zu ver- 
decken. Es kann mit anderen Worten ein Ding gleidi- 
zeitig verschiedenen Zwecken dienen, und einer derselben 
kann natürlich auch der künstlerische Eindruck sein. 

Wir werden uns also nicht scheuen, die Ähnlich- 
keit zwischen dem, was man früher Kunst im allgemeinen 
nannte, und der Kunst im heutigen engeren Sinne etwas 
eingehender zu verfolgen. In jenem weiteren Sinne heißt 
Kunst ein jedes Können. So gibt es eine Kunst des 
Schlittschuhlaufens und Radfahrens, eine des Drechseins, 
Schmiedens und Skatspielens, eine Kunst, sich in Damen- 
gesellschaft beliebt zu machen, bis zur Kunst des Lesens 
und Schreibens herab. 

Das Allgemeine bei allen diesen Kunst genannten 
Dingen ist eine über das alltägliche hinausgehende 
Beherrschung irgend eines Gebietes des Geschehens 
derart, daß bestimmte Erscheinungen nach Belieben 
hervorgebracht werden können. Daher bezeichnet man 
auch solche willkürlich hervorgebrachte Dinge als 
künstlich im Gegensatz zu den natürlichen, die ohne 
•Dazutun menschlicher oder sonstiger Willenstätigkeit 



22 KUNST UND WISSENSCHAFT 

entstehen. Hier sehen Sie alsbald den tatsächlich sehr 
engen Zusammenhang zwischen diesen Künsten und 
der Kunst im engeren Sinne eben auf Orund der vorher 
ausgesprochenen Definition. Letztere ist eben nur ein 
Sonderfall des allgemeineren Begriffes Kunst. Eine von 
den vielen möglichen Künsten ist unter anderen auch 
die Kunst, Gefühle hervorzurufen, und zwar willkürlich 
oder auf künstlichem Wege. Wenn wir uns den 
doppelten Gebrauch des Wortes Kunst gestatten, so 
können wir noch prägnanter definieren: Kunst ist die 
Kunst, künstlich willkommene Gefühle hervor- 
zurufen. 

Von diesen Gesichtspunkten gewinnt man auch 
leicht eine klare Einsicht in das Verhältnis zwischen 
dem Naturschönen und dem Kunstschönen. Jeder, 
der versucht hat, sich in der ästhetischen Literatur 
zurechtzufinden, wird gewahr geworden sein, wie diese 
Frage ein wahres Kreuz für die theoretischen Ästhetiker 
ist, da doch einerseits beide so sehr ähnliche Wirkung 
haben, während andererseits die ästhetischen Definitionen 
so gar nicht auf den Fall passen wollen. Wir werden 
das Naturschöne einfach als dasjenige an den Natur- 
erscheinungen aufzufassen haben, was erwünschte 
Gefühle in uns hervorruft. Daß eine Natur- 
erscheinung, die gar keine Gefühle in uns hervorruft, 



^NIVERSITY 

KUNST UND WISSENSCHAFT 23 



auch nicht von uns schön genannt werden wird, brauche 
ich nur zu erwähnen. Daß wir andererseits eine Natur, 
die unerwünschte Gefühle hervorruft, auch nicht schön 
finden werden, ist gleichfalls selbstverständlich. Um 
uns darüber klar za werden, brauchen wir uns nur zu 
vergegenwärtigen, ob wir einen Sturm auf dem Meere 
vom Lande aus beobachten, oder von einem kleinen 
Boote aus, das jeden Augenblick umzuschlagen droht. 
Im zweiten Falle sind die durch die Naturerscheinung 
erregten Gefühle bei weitem die stärkeren, aber einen 
ästhetischen Wert werden wir nur im ersten Falle 
konstatieren können. Im zweiten Falle nimmt uns das 
Gefühl der Furcht so stark in Anspruch — wenigstens 
muß ich für mich bekennen, daß es so sein würde — 
daß wir für die Empfindungen des Großartigen im 
Sturm keine Zeit und Gedanken übrig behalten. Beim 
Anblicke eines gemalten Seesturmes fällt die Furcht 
ganz und gar fort, und so können wir noch vollständiger 
den Eindruck der Großartigkeit genießen, insbesondere 
wenn wir vorher einige unmittelbare Erfahrungen über 
derartige Ereignisse gesammelt hatten, und natürlich 
auch nur unter der Voraussetzung, daß der Künstler 
es verstanden hat, gerade das zur Anschauung zu 
bringen, was in uns das Gefühl des großartigen Er- 
eignisses erweckt 



24 KUNST UND WISSENSCHAFT 

Diese Betrachtungen erklären uns auch den inter- 
essanten Entwickelungsgang, den unser Gefühl für 
Naturschönheit genommen hat. Es ist ja bekannt, daß 
z. B. unsere Fähigkeit, uns an der Schönheit der Alpen zu 
begeistern, recht neuen Datums ist. Sie ist erst in der 
zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts entstanden 
und auch hier hat Goethe als einer der Bahnbrecher 
gewirkt Die Schönheit der norddeutschen Marsch- 
landschaften ist noch viel neueren Datums, ebenso die 
der Havelseen in der Umgebung Berlins. In allen diesen 
Fällen handelt es sich um Entdeckungen durch Künstler, 
die auf diese Weise der Menschheit ein noch wert- 
volleres Geschenk machten, als durch ihre Kunstwerke 
selbst. Daß aber Künstler, und nur solche, zu der- 
artigen Entdeckungen befähigt sind, rührt eben daher, 
daß Künstler berufsmäßig die Quellen willkommener 
Gefühle zu finden und zu regeln haben, und daß sie 
solche in der Natur selbst erlebt haben müssen, bevor 
sie sie wiedergeben und anderen Menschen zugänglich 
machen können. 

An der Hand unserer so als angemessen bewährten 
Begriffsbestimmung wird es uns nun leicht werden, das 
Verhältnis der Kunst zur Wissenschaft festzustellen. 
Handelt es sich um die Erweckung von Gefühlen, 
so kommen zwei Wissenschaften in Betracht: einerseits 



KUNST UND WISSENSCHAFT 25 

die Wissenschaft von den Gefühlen selbst, die einen 
Teil der Psychologie bildet, und andererseits die 
Wissenschaft von den Hilfsmitteln solcher Orfühls- 
erregungen. Letztere bezeichnet man zusammenfassend 
als die Technik der Kunst Da nun die Kunst sich 
sehr mannigfaltiger Hilfsmittel bedient, um ihre Zwecke 
zu erreichen, so macht die technische Kunstlehre in der 
Tat, ähnlich der Heilkunst, von fast allen Gebieten der 
Naturwissenschaften Gebrauch. 

Dies ist also die Antwort auf die Frage, die wir 
oben gestellt haben, ob nämlich die Wissenschaft der 
Kunst überhaupt dienlich und nützlich sein kann. Sie 
kann es in hohem Maße. Dem Goetheschen: «Wenn 
Ihrs nicht fühlt, Ihr werdets nicht erjagen" 
kann man das Wort entgegenstellen: »Wenn Ihrs 
nicht könnt, vermögt Ihrs nicht zu sagfen«. 
Was Goethe gemeint hat, besagt, daß ohne Gefühl 
eine Kunst unmöglich ist. Das entspricht ganz unserer 
Auffassung, daß die Gefühle eben die Aufgabe der 
Kunst sind. Was ich mir hinzuzufügen erlaubt habe, 
besagt, daß dem Künstler alles Gefühl, das er selbst 
besitzt, nicht zur Lösung seiner Aufgabe ausreicht, 
wenn er nicht weiß, wie er sein Gefühl in anderen 
hervorrufen kann, d. h. wenn ihm die Kenntnis der 
Mittel fehlt. 



26 KUNST UND WISSENSCHAFT 

Was zunächst die Gefühle des Künstiers selbst 
anlangt, so wird er unzweifelhaft vorziehen, sie selbst 
zu erleben, als sie aus einem Lehrbuch der Psychologie 
kennen zu lernen. Damit glaube ich einen Einwand 
auszusprechen, der vielleicht manchen von Ihnen auf 
der Zunge liegt. Das ist unzweifelhaft richtig; ebenso- 
wenig, wie man aus einem Lehrbuche lernen kann, 
wie die Empfindung blau oder süß beschaffen ist, ebenso- 
wenig kann man sich aus einem solchen über Gefühle 
unterrichten lassen wollen, die man nicht aus Erfahrung 
kennt Aber dies soll die Wissenschaft auch nicht; ihre 
Aufgabe beginnt erst etwas später. Die verschiedenen 
Gefühle folgen aufeinander nicht regellos, sondern zu- 
folge bestimmter Gesetzmäßigkeiten. Wenn beispiels- 
weise in Goethes köstlicher Idylle Alexis und Dora, die 
Schilderung, wie sich die Liebenden im Augenblicke 
des Abschieds gefunden hatten, sich zu höherer und 
höherer Glut in der Ausmalung der wonnigen Zukunft 
steigert und dann an der höchsten Stelle mit schneller 
Wendung in eine ebenso leidenschaftliche Eifersucht 
überschlägt, so fühlen wir lebhaft, mit welcher Sicher- 
heit hier der Künstler das psychologische Gesetz von 
den Kontrastempfindungen gehandhabt hat. Vielleicht 
erkennt es nicht ein jeder bewußt; wohl aber fühlt ein 
jeder doch die innere Richtigkeit, ja Notwendigkeit 



KUNST UND WISSENSCHAFT 27 

dieses Stimmungswechsels, von dem die künstlerische 
Wirkung des Gedichtes abhängig ist 

Ja, hat denn Goethe selbst diese psychologischen 
Gesetze gekannt? werden Sie mich hier wieder fragen. 
Freilich hat er sie gekannt; wir besitzen Bemerkungen 
von ihm, in denen er gerade sein Verfahren in diesem 
Gedichte verteidigt gegenüber solchen, denen die 
von ihm gewagte Abweichung vom Gebräuchlichen 
zunächst nicht einleuchten wollte. Aus tausend Stellen 
seiner Briefe und Abhandlungen kann man sich über- 
zeugen, wie bewußt er die psychologischen Gesetze 
seiner Kunst handhabte. 

Aber wie ist er denn dazu gekommen? wird wieder 
gefragt werden; die Psychologie seiner Zeit war ja viel 
zu wenig entwickelt, als daß er sie hätte benutzen können. 
Dies ist wiederum richtig; er hat sich seine Psychologie 
eben selbst gemacht, indem er zunächst aufmerksam 
alle seine eigenen Erfahrungen über die verschiedenen 
Gefühle beobachtete und sich zum Bewußtsein brachte; 
jede Seite von „Wahrheit und Dichtung" gibt Auskunft 
über diese seine Tätigkeit, wo sich der eigenen Brust 
geheime tiefe Wunder öffnen. Hierzu nahm er die Er- 
fahrungen an anderen, die er bei seinem lebhaften ge- 
selligen und sonstigen Verkehr reichlich zu sammeln Ge- 
legenheit hatte. Nachdem er so das Material zusammen 



28 KUNST UND WISSENSCHAFT 

hatte, entnahm er den verschiedenen Erscheinungen das 
Gleichartige, stellte die gegenseitigen Beziehungen der 
verschiedenen Gefühle, die Regeln ihres zeitlichen Ab- 
laufes, ihre gegenseitige Beeinflussung u. s. w. fest, und 
setzte sich so in den Besitz derjenigen Kenntnisse, deren 
er für seine Kunstwerke bedurfte. Eine systematische 
Ordnung dieser Kenntnisse im Sinne eines wissen- 
schaftlichen Lehrgebäudes hat er allerdings nicht durch- 
geführt; für seine unmittelbaren Zwecke genügte ihm 
sein stets bereites Gedächtnis und seine enorm kräftige 
darstellende Phantasie. Daß er aber derartigen syste- 
matischen Konstruktionen keineswegs abgeneigt war, 
ergibt sich aus zahlreichen Stellen seiner auf die Kunst 
bezüglichen Schriften; ich erinnere beispielsweise an die 
psychologische Klassifizierung der Kunstfreunde, die er 
unter dem Titel „Der Sammler und die Seinigen" ver- 
sucht hat. 

Das eben geschilderte Verfahren ist aber genau das 
der Wissenschaft; auch sie beginnt zunächst mit der 
Feststellung des tatsächlichen Materials und geht dann 
zu seiner Ordnung über, die zunächst schematisch, 
sodann aber womöglich genetisch ausgeführt wird. 

Und hier kommen wir auch auf den Punkt zurück, 
von dem wir vorher zu unseren Betrachtungen über 
den Zweck der Kunst abgebogen waren. Ich hatte be- 



KUNST UND WISSENSCHAFT 29 

tont, daß die Kunst der Wissenschaft vorauszugehen 
pflegt; hier haben wir ein Beispiel davon. Die künstlerisch- 
praktische Kenntnis d&c Gefühle war längst vorhanden^ 
ehe ihre wissenschaftliche Untersuchung begonnen hat 
So hätte auch Goethe wahrscheinlich selbst die in- 
zwischen entwickelte Psychologie der Gefühle von heute 
ziemlich trivial und kindisch gefunden, da ihm dieselben 
Sachen viel mannigfaltiger und feiner bekannt und ge- 
läufig waren. Es scheint daher, als sei schließlich die 
Wissenschaft ganz überflüssig in all den Fällen, wo die 
Kunst die Vorarbeit übernommen hat 

Sie wäre es allerdings, wenn, nachdem die Mensch- 
heit einen solchen Genius wie Goethe hervorgebracht 
hätte, alle nachgeborenen Menschen seiner Vorzüge 
teilhaftig geworden wären. Wir wissen leider nur zu 
genau, daß dies keineswegs der Fall ist Daher sind 
auch die sehr weitgehenden psychologischen Kenntnisse, 
die Goethe besaß, sein persönliches Eigentum geblieben 
und mit ihm dahingegangen. Seine Werke enthalten 
nur die Ergebnisse der Anwendung seiner Kenntnisse 
auf besondere Fälle, nicht aber diese Kenntnisse selbst 
Mit der Wissenschaft ist es anders. Deren Aufgabe 
befrach^n wir nicht als vollendet, wenn nicht der Ent- 
decker auch die Ergebnisse seiner Forschung der Welt 
in einer solchen Gestalt mi^eteilt hat, daß sie Gemein- 



30 KUNST UND WISSENSCHAFT 

gut aller derer werden können, welche sich mit den 
gleichen Problemen beschäftigen. Wenn der Forscher 
seine Kenntnisse selbst geheim halten wollte und nur 
die Ergebnisse der Anwendung derselben der Welt 
mitteilte, wie das vorübergehend im siebzehnten Jahr- 
hundert von einigen Mathematikern geschah, so würden 
wir ihn solange als Schuldner der Allgemeinheit be- 
trachten, bis er auch jene Mitteilungen gemacht hat, und 
wir gestehen ihm nicht einmal das Recht zu, solche 
Dinge für sich zu behalten. 

Für die Kunst hat daher die Unterbringung be- 
stimmter Kenntnisse im Gebiete der Wissenschaft die 
Bedeutung, daß von nun an jeder kommende Künstler 
diesen ganzen Inhalt zu seiner Verfügung hat, und ihn 
nach Bedarf handhaben kann. Er braucht hernach bei 
weitem nicht den großen Betrag von ursprünglicher 
Begabung und persönlicher Erfahrung, um psychologisch 
eben so richtig zu arbeiten, wie es nur einzelne aus- 
erwählte Künstler vorher gekonnt haben. Er kann daher 
unter sonst gleichen Umständen bessere und eindrucks- 
vollere Kunstwerke hervorbringen, als er ohne diese 
Kenntnis imstande wäre, und die Kunst selbst wird 
daher durch diese wissenschaftliche Hilfe mitte^^ar auf 
eine höhere Stufe gehoben. 

Vielleicht wird das, was ich Ihnen hier nahe legen 



KUNST UND WISSENSCHAFT 31 

möchte, noch deutlicher an einem anderen Beispiele, 
einem aus der Malerei. Die Lehren des perspekti- 
vischen Zeichnens waren den Malern bis zum An- 
fange des sechzehnten Jahrhunderts unbekannt Daß 
trotz dieses Mangels mancherlei ausgezeichnete Ge- 
mälde hergestellt wurden, ist allgemein bekannt Auch 
haben einige besonders geschickte Zeichner und sorg- 
fältige Beobachter leidlich richtige Perspektiven fertig 
gebracht Aber daneben gab es auch eine große 
Anzahl verunglückter Versuche in sonst sehr guten 
Bildern, die deren Wirkung bedeutend herabdrücken. 
Seitdem gleichzeitig die deutschen und italienischen 
Maler jener Zeit dann die geometrischen Kon- 
struktionen ersonnen und in wissenschaftliche Ordnung 
gebracht hatten, nach denen man perspektivisch richtige 
Zeichnungen ausführen kann, ohne daß es dazu einer 
besonderen künstlerischen Begabung bedarf, hat die 
Kunst nicht etwa durch die Mechanisierung eines 
wichtigen Elements Rückschritte gemacht sondern er- 
hebliche Fortschritte; ein Zeugnis dafür ist der außer- 
ordentliche Eifer, mit welchem die beiden großen Maler 
jener Zeit, Dürer und Raffael, die Wissenschaft der 
Perspektivkonstruktionen sich anzueignen und sie zu 
entwickeln bestrebt waren. Umgekehrt hat die zunächst 
zu rein künstlerischen Zwecken entwickelte Lehre von 



32 KUNST UND WISSENSCHAFT 

dem Zusammenhang der perspektivischen Gestalten zu 
einem wichtigen Gebiete der Geometrie geführt, näm- 
lich zu der synthetischen Geometrie, dem Teile derselben, 
in welchem sich die erste selbständige Entwickelung 
dieser Wissenschaft über das von den Griechen Erreichte 
hinaus betätigt hat. 

Mit diesen Betrachtungen sind wir bereits in das 
zweite Kapitel der Beziehungen zwischen Kunst und 
Wissenschaft, zu den wissenschaftlichen Mitteln der 
künstierischen Technik, gelangt 

Daß bezüglich des künstlerischen Könnens das 
Wissen, also allgemein die Wissenschaft von maßgeben- 
der Bedeutung wird, braucht kaum noch im Einzelnen 
dargelegt zu werden. Der Maler hat sichtbare Natur- 
erscheinungen so darzustellen, daß die Gefühle, welche 
diese unmittelbar in uns erregen würden, möglichst 
lebhaft durch die Nachbildung erregt werden. Dazu 
braucht er nichts nötiger, als eben die Kenntnis dieser 
Erscheinungen selbst. Nun kann er sie sich durch 
fleißige Beobachtung der Natur erwerben; wir haben 
aber eben an dem Beispiele der Perspektive gesehen, 
wie auch die fleißigste Beobachtung bei weitem nicht 
in bezug auf Vollständigkeit und Richtigkeit an die 
wissenschaftliche Arbeit heranreicht Weitere Beispiele, 
die dasselbe beweisen, findet man auf Schritt und Tritt. 



KUNST UND WISSENSCHAFT 33 

Dem Anfänger ist es beispielsweise außerordentlich 
schwer, die Wellenbewegung des Wassers zu an- 
gemessenem Ausdruck zu bringen, weil eben die Er- 
scheinung so beweglich ist, daß er keines der beständig 
wechselnden Bilder festhalten kann; ebenso erscheinen 
ihm die Farben von einer verwirrenden Mannigfaltig- 
keit. Weiß er, daß jede Wellenbildung sich in die 
Übereinanderlagerung mehrerer regelmäßiger Wellen- 
systeme auflösen läßt, so erkennt er bald auch diese 
Systeme etwa bei der Betrachtung des bewegten Meeres 
wieder, er versteht nun die verwirrende Mannigfaltigkeit 
aufzulösen und kann sie daher auch wiedergeben. Was 
die Farbe anlangt, so braucht er nur einmal sich aus 
den Gesetzen der Lichtbewegung den Schluß konstruiert 
zu haben, daß die ihm zugewendete Brust der Welle 
das aus dem Wasser kommende Licht, also die Eigen- 
farbe des Wassers (oder die Farbe des etwa unter 
flachem Wasser befindlichen Bodens), aufweisen muß, 
während der Rücken der Welle das Licht des darüber 
befindlichen Himmels spiegelt, also dessen Farbe 
zeigen muß, und zwar um so mehr die Farbe des 
Zenits, je näher die Welle dem Beschauer ist und je 
höher er über ihr steht, um auch diese Mannigfaltigkeit 
in ihre Bestandteile aufgelöst und sich ihre Darstellung 

ermöglicht zu haben. 

3 



34 KUNST UND WISSENSCHAFT 

Nun werden Sie mir vielleicht einwenden: der 
Maler malt ja durchaus nicht nur, was er gesehen hat, 
sondern auch viele Dinge, die es gar nicht gibt, 
wenigstens für das leibliche Auge, wie schwebende 
Engel oder Genien, allegorische Qöttergestalten und 
allerlei andere Erzeugnisse der bildenden Phantasie. 
Hierauf ist zu antworten, daß derartige Gestalten doch 
nichts sind als Zusammensetzungen oder Umbildungen 
sichtbarer Erscheinungen. Femer ist in Betracht zu 
ziehen, daß früheren Jahrhunderten die physikalischen 
und physiologischen Unmöglichkeiten derartiger Gebilde 
durchaus nicht bewußt waren. Uns, denen diese Wider- 
sprüche auffallender sind, machen solche Bilder auch 
einen zunehmend geringeren künstlerischen, d. h. gefühls- 
mäßigen Eindruck. Die Allegorie wird zurzeit nur noch 
bei offiziellen und formellen Gelegenheiten in Dienst 
genommen; bei gewissen phantastischen Richtungen 

der modernen Malerei, wo gleichfalls Unwirkliches dar- 
gestellt wird, handelt es sich wieder um tatsächlich 
Erlebtes, nämlich die halb traumhaften Betätigungen des 
Zentralorgans, die ohne äußere optische Reize eintreten. 
Derartige freikombinierte Erinnerungsbilder der gestalten- 
den Phantasie haben zweifellos auch gewisse Gemein- 
samkeiten, deren Wiedergabe entsprechende Gefühle 
beim Beschauer hervorruft. Auch hier liegt wohl wieder 



KUNST UND WISSENSCHAFT 35 

ein Fall vor, an welchem die Kunst Erfahrungstatsachen 
handhabt, deren Bewältigung die Wissenschaft noch 
nicht versucht hat 

Was ich eben für die Kunst der Malerei darzulegen 
versucht habe, wobei ich gar nicht einmal auf den offen- 
kundigen Einfluß der Wissenschaft, auf die materielleren 
Seiten der Technik, das Farbmaterial, die Bindemittel, 
Malgründe u. s. w. eingegangen bin, das läßt sich an 
allen anderen Künsten in ähnlicher Weise darlegen. 
Daß z. B. die europäische Musik, die auf der Harmonie 
beruht, hierin einen ganz und gar wissenschaftlichen 
Boden besitzt, bedarf nur einer Andeutung. Auch hier 
machen wir die Beobachtung, daß der schaffende 
Künstler der Wissenschaft vorauseilt Über die logische 
Verbindung der Harmonien in ihrer Aufeinanderfolge 
gibt es zwar einzelne Untersuchungen, aber soviel mir 
bekannt, ist es noch nicht gelungen, die musikalischen 
Mittel unserer Klassiker, einschließlich Beethoven, voll- 
ständig wissenschaftlich aufeuklären. Ich zweifle nicht 
daran, daß dies künftig möglich sein wird, und wir 
werden dann erkennen, daß jene großen Meister auf 
Orund ihres hochentwickelten musikalischen Oehörs 
Gesetze befolgt haben, von deren Existenz sie selbst 
keine bewußte Ahnung gehabt haben. Ähnlich wie 
bei der Perspektive wird es dann möglich sein, durch 

3' 



36 KUNST UND WISSENSCHAFT 

Anwendung dieser Gesetze Musikstäcke zu schaffen, 
die durch ihre innere Richtigkeit auf uns einen ebenso 
überzeugenden künstlerischen Eindruck machen werden, 
wie eine gut ausgeführte Perspektive. Der Künstler 
jener Zeit wird aber keine Mühe mehr auf diese Seite 
seiner Arbeit zu wenden haben, die ihm heute noch 
zu den schwierigsten gehört, und er wird um so freier 
seinen Stoff zum Ausdruck seiner Gefühle gestalten 
können. 

Meine verehrten Zuhörer! Ich kann in der kurzen 
Zeit eines Abendvortrages Sie nicht einmal auf einem 
eiligen Wege durch alle Hallen der Kunst führen, um 
Ihnen überall die enge Verschwisterung zwischen ihr 
und der Wissenschaft zu zeigen. Daß eine solche be- 
steht und bei entsprechender Untersuchung überall nach- 
weisbar ist, darf ich Sie auf Grund eigener Erfahrung 
versichern, und nach dem, was ich Ihnen bereits dar- 
gelegt habe, nehme ich an, daß es Ihnen nicht schwer 
fallen wird, dieser Versicherung Glauben zu schenken. 
So möchte ich nur noch zum Schlüsse, wie der Maler 
bei der Vollendung seines Bildes, einige Schritte zurück- 
treten, um das Ganze im Zusammenhange, ungestört 
von den Einzelheiten, zu überschauen. 

Fragen wir wie bei der Kunst nach der all- 
gemeinsten Aufgabe der Wissenschaft, so läßt sich 



KUNST UND WISSENSCHAFT 37 

die Antwort noch kürzer geben: sie besteht im Prophe- 
zeien. Alle die mannigfaltige Arbeit, welche die Wissen- 
schaft treibt, hat im letzten Ende das Ziel, uns die Möglich- 
keit zu geben, künftige Vorgänge vorauszusehen. Fast 
unser ganzes Leben besteht ja in solchen Voraussichten, 
fast alles, was wir tun, tun wir, damit künftig gewisse Er- 
eignisse eintreten oder andere vermieden werden, und 
die Erziehung jedes Menschen besteht darin, ihn mit 
möglichst großer Sicherheit Voraussichten machen zu 
lehren, daß er seine Handlungen darnach einrichten 
kann. Die sicherste Voraussicht aber gewährt uns 
überall erst die Wissenschaft, denn sie stellt ja all- 
gemein die gegenseitige Abhängigkeit oder Aufeinander- 
folge der Ereignisse aller Art fest 

Nun arbeitet auch der Künstler für die Zukunft. 
Ich meine dies nicht in solchem Sinne, daß er erst 
vielleicht nach seinem Tode zu Anerkennung gelangen 
mag, sondern ganz unmittelbar. Ehe er sein Kunstwerk 
beginnt, hat er bereits eine Vorstellung, was es wohl 
werden wird, aber er muß erst eine ganze Reihe zweck- 
mäßiger Handlungen verrichten, ehe die ersten Spuren 
seines Werkes in die Erscheinung treten. Und hernach 
ist es auch nicht in einem Augenblicke fertig. Er muß 
es verlassen und wieder aufnehmen, er muß es ver- 
bessern und umgestalten. Alle diese Dinge kann er 



38 KUNST UND WISSENSCHAFT 

nicht tun, ohne daß ihm der Erfolg gegenwärtig ist, 
bevor er die dazu erforderliche Handlung ausgeführt 
hat. Er muß also überall in die Zukunft schauen und 
wird es um so sicherer tun, je wissenschaftlicher er 
seine Kunst auffaßt und treibt 

Das ist in der Tat ein so naher Zusammenhang, 
daß er ein untrennbarer genannt werden muß. Ich 
will nicht behaupten, daß alle Künstler sich dieses Zu- 
sammenhanges bewußt sind, und darnach ihre Kunst 
betreiben; ja ich muß leider die Vermutung aussprechen, 
daß er vielen nicht nur fremd ist, sondern daß manche 
sogar ablehnen, ihn anzuerkennen und zu betätigen. 
Dies steht im Zusammenhange mit Fragen, die ich neu- 
lich an andrer Stelle erörtert habe. Auch der Praktiker 
in der industriellen Technik hat wie der in der Kunst 
zuweilen die Neigung, die Wissenschaft gering zu achten, 
weil vielleicht einige ihrer Vertreter einmal Unsinn ge- 
macht haben. Ich habe mich bemüht, darzulegen, wie 
auch der entschiedenste Verächter der Wissenschaft 
unter diesen Praktikern doch in seiner Weise ein Theo- 
retiker, d. h. ein Wissenschaftler ist, wenn auch nur ein 
sehr unvollkommener. Ebenso haben jene der Wissen- 
schaft abgeneigten Künstler auch eine Wissenschaft 
eigener Art Diese dient ihnen, wenn sie im übrigen 
etwas rechtes können, ausreichend für ihre Zwecke, 



KUNST UND WISSENSCHAFT 39 

sie gestattet ihnen aber meist nicht, zu den betreffenden 
Fragen einen weiteren und allgemeineren Standpunkt 
zu gewinnen. Dies aber gestattet die Wissenschaft, 
denn es ist ihre Aufgabe. Ich bitte Sie, einen schnellen 
Rückblick über die Besprechungen dieses Abends zu 
werfen: Nicht wahr, Sie werden sich erinnern, daß nicht 
das geringste Verwerfungsurteil über irgend eine Art 
oder Richtung der Kunst gefallen ist, ohne welche sonst 
doch ein theoretischer Kunstvortrag beinahe unmöglich 
ist? Das ist ja der große Segen der Wissenschaft, daß 
sie erstens durch ihre Aufgabe der Allgemeinheit schon 
von vornherein verpflichtet ist, alles zu verstehen, und 
daher auch nach dem alten Worte alles zu verzeihen, 
soweit überhaupt von Verzeihen die Rede sein kann. 
Der andere, besondere Segen liegt darin, daß ein jeder 
Künstler und ein jeder Kunstfreund an der Hand der 
gewonnenen wissenschaftlichen Klarheit über das Wesen 
und den Zweck der Kunst sein eigenes und das fremde 
Kunstwerk fragen kann: Welche Gefühle vermagst 
Du zu erwecken, wie schöne und starke und 
willkommene? Und wenn er sich die Antwort zu 
geben versucht, so wird ihm das ausgeprägt subjektive 
Element in dieser zum Bewußtsein kommen, und er 
wird sich sagen, daß ein anderer ganz wohl weniger 
stark oder starker fühlen könnte, als er. Das wird ihn 



40 KUNST UND WISSENSCHAFT 

zur Milde gegen anders Fühlende stimmen, denn Oe- 
fähle lassen sich nicht kommandieren, sie müssen mit 

Hingebung und Liebe entwickelt werden. Und mit 
diesem Friedensglockenklang wollen . wir unsere Be- 
trachtungen schließen. 

{ VNIYER8ITY 




Druck von Fr. Richter in Leipzig. 



YCIIM^'? 



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